1plus2
  • Début
  • Aperçu
  • Blog
  • Anfang
  • Übersicht
  • Blog
  • Home
  • Overview
  • Blog
  • בית
  • סקירה
  • בלוג

Scheidung war keine Option! 

​“Mein Krebs, im Vergleich zur Scheidung meines Sohnes, ist ein Zuckerwasser!”

Es beginnt schlecht

Trotz des intakten Äußeren, das ich und meine Verwandten über viele Jahre hinweg mit aller Kraft zu vermitteln versuchten, war meine Ehe alles andere als harmonisch. In den ersten Jahren weinte ich regelmäßig zweimal am Tag: Morgens, wenn ich mit meinem Motorroller zur Arbeit fuhr, und abends, wenn ich nach Hause kam. Im Grunde war das Problem einfach. Wir waren nicht füreinander bestimmt, weder auf der Beziehungsebene, noch auf der emotionalen oder sexuellen Ebene. Nicht Welten, Universen trennten uns! 
Meine Eltern waren sich dessen bestens bewusst, wie die einfache Tatsache zeigt, dass ich von meiner Mutter bis zu ihrem Tod nicht nur fast monatlich Vitamine und Stärkungsmittel erhielt, sondern auch sporadisch alle möglichen Medikamente wie Zeller Entspannungstabletten, Stilnox (ein Schlafmittel), Lexotanil (ein Beruhigungsmittel) oder sogar Antidepressiva aus Vaters Nachttischchen. Damit das klar ist: Meine Mutter war weder Ärztin noch Apothekerin. Sie selbst musste diese Medikamente auf Rezept von einem Arzt erhalten. Mich krankschreiben lassen, psychiatrische Hilfe aufsuchen... Gewiss, es fehlte nicht an praktischer Unterstützung – z. B. bei der Kinderbetreuung oder der Bezahlung von Familienurlauben – oder an gut gemeinten Ratschlägen nicht weniger als an Strömen von Bibelversen. Es gab nur ein Thema, das ausser Frage stand: Scheidung. Der Tod wäre der einzige Ausweg aus einer unglücklichen Ehe gewesen.
In meiner Verzweiflung schrieb ich einmal meiner Mutter: „Ich habe Horror vor meiner Frau, ich habe Horror vor meiner Frau, ich habe Horror vor meiner Frau.“ ​Jeder vernünftige Mensch hätte spätestens zu diesem Zeitpunkt seinem Kind vorgeschlagen, ernsthaft über eine Scheidung nachzudenken. Doch stattdessen wollten meine Eltern mich in eine Psychiatrie einweisen. Hatte ich in meiner Jugend nicht schon Labilität an den Tag gelegt? Die vorgeschlagenen und in zwei Fällen organisierten Psychologen gehörten ebenfalls der evangelikalen Bewegung an, denn sie mussten den Heiligen Geist haben. 
Rückblickend bin ich Gott heute dankbar, dass unsere Ehe nicht in einem Blutbad geendet hat. ​
​“Drei Seelen sind wichtiger als eine” war die Devise meiner Mutter. Die “drei Seelen” waren auf meine Kinder gemünzt. Das habe ich von einer Mama nahestehenden Person erst nach Mutters Tod erfahren. Scheiden, eine Frage von Leben und Tod! “Solange die Kinder nicht erwachsen sind”, war der weise Rate meines Vaters, “musst du auf die Zähne beissen!” Mein Vater blieb all die Jahre gegenüber meinem Leiden unempfindlich. In meiner Abwesenheit versuchte die Schwester meiner Mutter (die Frau des Italieners) oft, mich zu verteidigen. „Was würdest du tun“, fragte sie einmal ihren Schwager, „wenn du eine Frau wie deine Schwiegertochter geheiratet hättest?“ „Nun“, antwortete er kühl, „ich habe eben keine solche Frau geheiratet!“ Damit war die Diskussion beendet. Solche Bemerkungen irritierten meinen Vater, auch wenn er sich meistens in Schweigen hüllte. Was konnte eine so weltliche Frau, die offensichtlich nicht viel von Gottesfurcht an den Tag legte, schon von göttlicher Führung und himmlischen Prüfungen verstehen? Meine Mutter war feiner besaitet und hat wie ihre Schwester heimlich viel unter meiner Situation gelitten, war aber theologisch stark von der harten Linie ihres Mannes beeinflusst. Ihr Krebs kam nicht von ungefähr. Und was mich betrifft, habe ich Gott oft auf meinen Knien angefleht, meinem Leben eine Ende zu setzen, ein Wunsch, den ich indirekt auch in einem Lied zum Ausdruck brachte, das ich 2014 geschrieben und aufgenommen habe: Not Without You heißt es (mehr dazu unter „Schwarzes Herz“). ​

Die dunkelsten Jahre meines Lebens

In den ersten Jahren unserer Ehe suchte ich die Ursachen für mein Unbehagen in der unsichtbaren Welt. Ich vermutete Unreinheiten in meinem Herzen und vielleicht auch in dem meiner Partnerin, oder aber Angriffe des Teufels, der mich davon abhalten wollte, dem Herrn zu dienen, oder aber eine Kombination aus all diesen Elementen. Die Folge davon war, dass ich immer mehr im religiösem Fanatismus versank:
Im Sommer 2008 brach ich den Kontakt zu einer Familie ab, die mich heute an jene erinnert, die im März 2022 in Montreux einen Massenselbstmord beging (vgl. den Presseartikel hier), insofern sie sich nicht nur von der Welt, sondern auch von der evangelikalen Szene isoliert hatte. Soweit ich mich erinnern kann, waren wir die einzigen, die sie im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten geistlich und finanziell unterstützten. Wir hatten zwei ihrer Söhne im Emmaus-Bibelinstitut in St. Légier kennengelernt, einem evangelikalen Ausbildungszentrum, das Gläubige aus den verschiedensten Bewegungen zusammenbringt. Die Familie war auf der Flucht vor dämonischen Mächten, die durch Zauberer, Satanisten und eine gefallene, schwarze Welt repräsentiert wurden. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass diese beiden Brüder in die Heilsarmee in Vevey gingen, denn Emmaüs-Studenten werden jeweils dazu angehalten, eine örtliche Kirchgemeinde zu besuchen. Sie hatten in dieser Gemeinde einen seltsamen Mann erspäht, einen „Satanisten“, wie sie mir erklärten. Und Beweise dafür hatten sie auch: Innerhalb kürzester Zeit wurden dort drei Ehen aufgelöst. Es war offensichtlich, dass Agenten des Teufels die Gemeinde infiltriert hatten. Ich war naiv und glaubte ihnen voll und ganz. Was für eine Gabe der Geisterunterscheidung hatte Gott ihnen anvertraut! Ihr Vater hatte sogar ein teilweise gelähmtes Mädchen vor ihrer Mutter retten können, die nach ihren Angaben eine Hexe war. Kraft des Gebets konnte das Mädchen sogar wieder ein paar Schritte machen! Die besagte Familie wurde von der Polizei wegen Entführung Minderjähriger gesucht, da das Mädchen erst 17 Jahre alt war. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten sie das Mädchen mit ihrem Einverständnis eingepackt, um Deutschland zu verlassen, und befanden sich zu diesem Zeitpunkt in den Niederlanden in Abwartung ihrer Volljährigkeit. Oder waren sie nach Belgien geflohen? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, so oft hatten sie im Laufe ihrer Apostelkarriere die Schauplätze gewechselt. Ungefähr 3 Jahre zuvor hatten wir unsere zwei Freunde kennengelernt, die Verschwörungstheorien mit Verbindungen zu Erlo Stegen und der Kwasizabuntu-Bewegung verfolgten. Die Kwasizabuntu​ Sekte hat auch in der Schweiz Wurzeln getrieben (siehe hier). Von diesen beiden Brüdern habe ich auch erfahren, dass es ein kleines Grüppchen von Fanatikern geben soll, die mit dem Gedanken spielen, die Al-Aqsa Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem zu sprengen, damit gemäss dem Propheten Hesekiel der dritte jüdische Tempel gebaut werden kann. Sie fanden diese Idee ausgezeichnet. Der spirituelle Kampf an ihrer Seite war der totale Wahnsinn. Stundenlang lasen wir Fluchpsalmen wie Psalm 109 mit Gebeten und Fasten in einem fieberhaften Kampf gegen diese satanisch gnadenlosen Kräfte, die von dieser Hexe und anderen Zauberern repräsentiert wurden. Die Angst vor den Dämonen hat mich fast zerstört. Das kleinste Geräusch – eine knarrende Tür – und schon vermutete ich die Hand eines Dämons. Meine Frau hatte mir mehr als einmal davon abgeraten, mit ihnen Schluss zu machen. 2008 haben wir schliesslich jeden Kontakt und jede Verbindung zu ihnen abgebrochen und ich habe alles gelöscht, was mit ihnen zu tun hatte (Telefonnummern, Briefe etc.). Das war die dunkelste Zeit in meinem Leben und als Schutzmechanismus habe ich diese Ereignisse verdrängt. Dank der Therapie mit einer Psychologin, die ich 2023 begonnen habe, kommen einige Erinnerungen zurück, auch wenn die meisten vage bleiben (in der Psychologie nennt man das „dissoziative Amnesie“). Ich kann mich zum Beispiel nicht mehr an die meisten Vornamen der beteiligten Personen erinnern. ​

"Bis dass der Tod euch scheidet!"

„Hat Gott nicht Abigail von ihrem törichten Mann Nabal dank ihrer Gottesfurcht und Ausdauer durch plötzlichen Tod erlöst?“ meisselten bibeltreue Hobbyprediger erfüllt von der Liebe Gottes mit unerbittlicher Härte in mein weiches, sensibles und fügsames Herz ein, wenn im Gottesdienst wieder einmal vom König David die Rede war. Nur dass in meinem Fall, anders als bei Nabal, meine Frau nicht böse war. Trotzdem stellte meine eheliche Situation mich vor große Herausforderungen. „Bis dass der Tod euch scheidet!“ hatte der Pastor bei unserer Hochzeitszeremonie gesagt. In der Tat konnte nur der Tod mein Dilemma beenden, entweder mein eigener oder der meiner Frau. 

​
Um unser Haus herum wuchs Unkraut, vor allem ein Unkraut, der Blacken, der zum Ventil meiner ehelichen Verzweiflung werden sollte. Um die Länge dieser Seite zu begrenzen, widme ich ihr eine andere (siehe ​​„Rumex”). ​

Scheidung im Neuen Testament

Die traditionell feindselige Haltung der Kirche gegenüber der Scheidung geht hauptsächlich auf Aussagen Jesu über das jüdische Scheidungsrecht in der Tora (d.h. in den 5 ersten Büchern der Bibel) zurück.
„Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, der bricht die Ehe ihr gegenüber.”
Markus 10 Vers 11
 
„Wer seine Frau entläßt, es sei denn wegen Unzucht, und eine andere heiratet, der bricht die Ehe; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.”
Matthäus 19 Vers 9 (Schlachter Übersetzung)
Auf Ehebruch stand damals die Todesstrafe. Diese Aussagen von Jesus, wenn man sie von ihrem jüdischen Kontext löst und aus einem monogamen Blickwinkel betrachtet, würden bedeuten, dass ein Mann nur dann scheiden und wieder heiraten darf, wenn seine Frau Unzucht begangen hat. Dieser Gedanke ist so absurd, dass im 21-ten Jahrhundert viele Theologen selbst aus evangelikalen Kreisen davor zurückschrecken, ihn auch wirklich wörtlich auf unsere Zeit zu übertragen. Aber traditionell gesehen wurden diese Aussagen von der Kirche so interpretiert (laut der Katholischen Kirche ist die Ehe bis heute „unauflöslich” und in den stark katholischen Philippinen ist Scheidung immer noch illegal). Dass Ehebruch damals in der Bibel etwas ganz anderes bedeute als bei uns heute, wird beispielsweise kaum je in Betracht gezogen (siehe „Ehebruch”). Die kirchliche Überzeugung, dass Jesus ein Anhänger der Monogamie und ein Gegner der Polygamie gewesen sein muss, verbietet Christen die Problematik zu verstehen, mit der Christus konfrontiert war. 

Ich beginne meine theologischen Recherchen

Ich hatte kurz vor dem Kennenlernen meiner Ex-Frau eine Bibelschule in der evangelikalen Welt begonnen und das dritte Jahr kurz nach unserer Hochzeit abgeschlossen. Nun wurde die Kluft zwischen meinen ursprünglichen theologischen Überzeugungen und meinen persönlichen Erfahrungen immer größer, bis ich 2016 den Entschluss fasste, am Sonntag nicht mehr in die evangelikale Welt zu gehen und mich dieses Mal wirklich ernsthaft mit der Frage zu beschäftigen, ob meine theologischen Grundlagen wahr sind. Im Februar dieses Jahres hatte ich zum allerersten Mal allmählich zu begreifen begonnen, dass die Monogamie und unser Rechtssystem – einschließlich der Scheidung – nicht aus dem Neuen Testament, sondern von den Römern stammten. Gab es biblisch gesehen eine andere Lösung für meine verzweifelte Situation als meinen Tod oder den Tod meiner Frau? Zum allerersten Mal in meinem Leben wagte ich es, Bücher von andersdenkenden Historikern und Theologen aufzuschlagen, ich, der ich es nie gewagt hatte, Bücher ohne die Zustimmung meines früheren „Freundes”, des Theologieprofessors, des Meisters in der Treue zum Wort Gottes, zu lesen. Und ich begann auch, die Sprachen der heiligen Schriften zu studieren. Da ich mir bewusst war, dass eine Scheidung einschneidende Konsequenzen zur Folge haben würde, habe ich während mehreren Jahren in der Bibel nach Antworten auf Themen gesucht, die mit Ehe, Scheidung und Sexualität im Zusammenhang stehen. Zu meinem Erstaunen habe ich dabei entdeckt, dass die neutestamentliche Scheidungslehre auf eine Interpretationsfrage der hebräischen Konstitution, d.h. der Thora, zurückzuführen ist. Die rechtliche Grundlage für Scheidung hing jedoch mit der rechtlichen Grundlage für Ehe, d.h. Polygamie, zusammen.

Der Kompromiss

In meiner Verzweiflung, mich von meiner Frau nicht scheiden lassen zu müssen, habe ich ganz konsequent die logische Folgerung geschlossen und genau denjenigen Vorschlag gemacht, den Jesu Scheidungslehre als legale und akzeptierte Alternative impliziert:
Polygamie!
Der Film „Sully“ mit Tom Hanks schildert die Heldentat vom 15. Januar 2009, als ein Airbus A320 der Fluggesellschaft US Airways kurz nach dem Start in New York in einen Vogelschwarm geriet. Da beide Triebwerke in sehr geringer Höhe ausgefallen waren, gelang dem Piloten eine Notwasserung auf dem Hudson River, wodurch er das Leben der 155 Passagiere und Besatzungsmitglieder rettete. Die gegen Kapitän Chesley „Sully“ Sullenberger durchgeführte Untersuchung sollte klären, ob seine Entscheidung, den Airbus A320 auf dem Hudson-Fluss zu landen, gerechtfertigt war. Die Nationale Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB) versuchte zu beweisen, dass der Pilot technisch gesehen Zeit gehabt hätte, zum Flughafen LaGuardia zurückzukehren oder zum Flughafen Teterboro auszuweichen. Der Abschlussbericht entlastete Kapitän Sullenberger vollständig. Eine Rückkehr zu einem der nächstgelegenen Flughäfen wäre nur möglich gewesen, wenn der Pilot das gesamte Notfallprotokoll (zum Beispiel den Versuch, die Triebwerke wieder anzulassen) übersprungen hätte, um direkt zu einem Flughafen zurückzukehren. In nur 35 Sekunden – der Zeit, die es dauerte, das Ergebnis des Notfallprotokolls zu erfahren – blieb die Landung auf dem Hudson die einzige Option, um das Leben der Passagiere und der Besatzungsmitglieder zu retten.

​Was hat diese Geschichte mit meiner Situation zu tun? Auf der einen Seite war ich nicht weit davon, das Leben zu verlieren. Auf der anderen werden die Dinge oft erst im Nachhinein klarer. Mein religiöser Fanatismus, die nächtlichen Träume, in denen meine Frau sterben und ich eine andere heiraten würde, meine verzweifelten Bemühungen, meiner Partnerin treu zu bleiben und eine Scheidung um jeden Preis zu vermeiden – all das konnte ich erst dann erkennen und klar formulieren, als ich die evangelikalen Bewegungen verlassen hatte. Das hat nicht 35 Sekunden gedauert, sondern mehr als 35 Jahre, bis ich erkannte, dass sowohl die Fundamente, wie auch die Notfallprotokolle, die man mir in die Krippe gelegt hatte, faul waren. Im Jahr 2021 war ich noch weit davon entfernt, all das so klar in Worte zu fassen. Zu diesem Zeitpunkt situierte ich mich noch teilweise innerhalb der evangelikalen Bewegen. Ich befand ich mich in einer Sackgasse. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Also begann ich zu schreiben, woraus das Buch entstehen sollte, von dem diese Website eine kleine Zusammenfassung ist. Und ich begann auch, den Vorläufer dieser Website auf dem Internet zu veröffentlichen. Unnötig zu sagen, dass sich diese Webseite (jetzt unter 1plus2.info) seither stark verändert hat. Doch ursprünglich war die Veröffentlichung ein Schrei nach Hilfe. Als sie im März 2021 entdeckt wurde, hielt man mich für verrückt. Mein Vorschlag, eine zweite Frau zu nehmen, schlug ein wie eine Bombe, vor allem bei meinen Eltern. Ich depublizierte daraufhin die Website.

​​Folglich reichte ich die Scheidung ein.

Die Konsequenzen

Im Sommer 2018 erhielt meine Mutter vom Arzt ein Aufgebot zu einer vorbeugenden Untersuchung, da sie brustkrebsgefährdet war. „Meine Zeit steht in Gottes Händen“, war das zuversichtlich Motto meiner Eltern. So landete die Einladung unbeachtet im Altpapier. Als sie im Dezember desselben Jahres notfallmässig zum Gynäkologen ging, hatte sie bereits ein erste Metastase. Als ich später wissen wollte, warum meine Eltern das Arztschreiben nicht beachtet hatten, wurde mein Vater wütend. Bei Meinungsverschiedenheiten oder Konflikten reagiert mein Vater entweder mit Schweigen (er weiss es halt einfach besser) oder mit Zorn. Aber beantwortet hat er meine Frage bis heute nicht. Im Dezember 2022 starb meine Mutter qualvoll nach vier langen Leidensjahren. Sie vertrug kein Morphin und wollte am Schluss nicht ins künstliche Koma versetzt werden. Als sie im Frühjahr 2021 erfuhr, dass ich mich scheiden lassen würde – sie hatte bereits seit fast zweieinhalb Jahren an ihrem Krebs gelitten und kannte Chemotherapien, Bestrahlungen und Operationen mit all ihren Nebenwirkungen bestens –, sagte sie:
​“Mein Krebs, im Vergleich zur Scheidung meines Sohnes, ist ein Zuckerwasser!”
Picture
Picture
Meine Mutter: Ihr Haar beginnt wieder zu wachsen (2 Jahre vor ihrem Tod, Herbst 2020)
Meine Mutter: Etwa 6 Wochen vor ihrem Tod (Oktober 2022)
Das habe ich von zwei Personen erfahren, denen sie es unabhängig voneinander erzählt hat. Meine Mutter brach sogar den Kontakt zu ihrer Cousine, einer ihrer besten Freundinnen, ab, als sie erfuhr, dass diese nicht nur Verständnis für mich gezeigt, sondern mich sogar zu einem Essen bei sich zu Hause eingeladen hatte. Wie ich später erfahren sollte, war der über 90-jährige Ehemann dieser Cousine schockiert und sagte, er habe in seinem ganzen Leben noch nie einen Mann so bitterlich weinen sehen wie mich. Nach einiger Zeit nahm meine Mutter wieder Kontakt auf, aber dieser Kontaktabbruch spricht Bände. Ein weiteres Vorkommnis war schwer zu verdauen: Als meine Mutter im Sterben lag und ihre Enkelkinder noch ein letztes Mal sehen wollte, rief sie meine Ex-Frau an – nicht mich –, damit diese meine Kinder zu ihr brachte. So waren ihre Enkelkinder also nicht die Kinder von mir, sondern von meiner Ex-Frau. Infolgedessen unterstützten sie bei rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit unserer Scheidung ihre Schwiegertochter und nicht ihren Sohn. 
​Zwei Tage vor ihrem Tod hat meine Mutter ihrer Schwester (der Frau des Italieners) unter Qualen allerdings noch eingestanden: „Es wollte lange nicht in meinen Kopf rein, aber heute weiss ich, dass Scheidung für Chris das Richtige war.”
​Ich habe während der Krankheit meiner Mutter mehrere Dinge über mich selbst gelernt, unter anderem Folgendes: Selbst unter enormen Schmerzen, wenn ein Besucher oder ein Arzt hereinkam, hat sie sich mit großer Anstrengung zusammengerissen, um ihr Lächeln zu zeigen: „Nein, nein, mir geht es gut“, versuchte sie sogar die Ärzte glauben zu machen. Das hat mich mehrmals genervt. Aber genau so hatte ich in all den Jahren meiner Ehe ja eben auch reagiert: Ich durfte nur ja nicht zeigen, wie es mir geht. Damit habe ich unbewusst die Rolle meiner Eltern kopiert, indem ich im Gegenteil zu meinem Vater nie wütend wurde, sondern wie meine Mutter versuchte, zerschlagene Gläser so gut wie möglich zu flicken. Was ich eigentlich gewünscht hätte, wäre eine Frau in der Lage, mir aus der Seele zu lesen, genauso wie meine Mutter es ihr ganzes Leben lang getan hatte. Zum einen hätte meine Frau wohl einen Mann gebraucht, der ab und zu mit der Faust auf den Tisch schlägt, um zu sagen: „Es reicht“. Zum anderen war ich nie mit den nötigen Werkzeugen ausgestattet worden, um meiner Frau meine Notlage mitzuteilen. Aus ihrer Sicht waren meine Träume und mein Fanatismus wahrscheinlich ein konfuses Wirrwarr, das weder Kopf noch Füsse hatte. Als ich die Scheidung einreichte, brach für sie wohl eine Welt zusammen, weil sie den Schlag nicht hatte kommen sehen. 
Kurz nach der Trennung traf ich eine ältere Person aus einem ähnlichen evangelikalen Umfeld wie ich, die sich schließlich auch hatte scheiden lassen. Im Gegensatz zu mir konnte sie warten, bis ihre Kinder volljährig waren. ​Sie bezeugte mir, dass ihre eigenen Eltern sie lieber unter der Erde als geschieden gesehen hätten, obwohl sie genau wussten, wie sehr ihre Tochter in ihrer Ehe litt.

Ich entdecke Poledance

​Es ist ein gebrochener Mann, der kurz vor dem Selbstmord stand, der sich im Mai 2021 in einem Fitnessstudio in Lausanne angemeldet hat – ich befand mich mitten in einer Trennung. Ich war so zerstört, dass ich nicht mehr in der Lage war, die hübsche Dame an der Rezeption korrekt um ein Glas Wasser zu bitten, ohne zu stottern. Ihr Name war Cindy. Und als gebrochener, innerlich zitternder Mann setzte ich zum ersten Mal meine Füsse in einen Pole-Raum. Es war der 12. Juli 2021. Ich habe ein Lied geschrieben, das den Titel genau dieses Datums trägt. Poledance ist auf vielen Ebenen die Antithese zu meinem früheren Leben. Sie erfahren mehr auf der Seite, die ich diesem Lied gewidmet habe, aber ich schlage vor, dass Sie zuerst die gesamte Website lesen, da es viele Verweise auf verschiedene Themen gibt, die hier angesprochen werden:
12. Juli 2021​
​Als meine Ex-Frau erfuhr, dass ich Poledance praktiziere, sagte sie zu mir: „Ach ja, du hast ja gerade deine Teenager-Krise!“ Stellen Sie sich vor, Ihr Partner hält Sie für einen Clown, der gerade seine Pubertätskrise durchmacht, während Sie in Wirklichkeit nur versuchen, einen Selbstmord zu verhindern. Das Traurigste daran ist, dass dies nicht einmal Ausdruck von Böswilligkeit, sondern einer Unfähigkeit, Sie richtig einzuschätzen, ist. Nach 17 Jahren Ehe weiß meine Ex-Frau immer noch nicht, wer ich bin. Ein Jahrzehnt zuvor hatte ich einmal an meine Tante geschrieben: „Nach sechs Jahren Ehe kennt mich meine Frau immer noch nicht!“ Daran hat sich bis heute nichts geändert!
Als mein Papa erfuhr, dass ich eine neue Sportart begonnen hatte, wurde sein Gesicht bleich. Eine eisige, lange Pause folgte. Schlussendlich war der einzige Satz, den er herausstottern konnte: „Na ja, das musst du wissen“. Damit war die Diskussion beendet. Wie ich später erfuhr, war er am Boden zerstört: 
„Jetzt lebt mein Sohn in der Sünde!”
Nun, in der Sünde zu leben, bedeutet in der Sprache der evangelikalen Szene, dass man sein Heil aufs Spiel setzt. ​
​Pole-Sport, Striptease? Von wegen! Im Januar 2025 wurde die Swiss Pole- & Aerial Sports Federation (SPSF) Mitglied von Swiss Olympic (spsf.ch). Inzwischen bin ich nun auch im Vorstand des SPSF. Ich habe zudem auch eine berufliche Ausbildung gemacht (senpeza.ch) und unterrichtete Pole im Jahr 2025 bei Freespirit in Vevey (vevey.acropolestudio.ch) und im Jahr 2026 als Leistungssporttrainer anlässlich der Schweizermeisterschaften.  
Picture
Wir haben fast nie mehr darüber gesprochen, aber da mein Vater beobachten konnte, dass ich kein Exhibitionist, Krimineller oder Penner geworden bin, dass ich weiterhin ehrlich arbeite und ein normales Leben führe, hat sich seine düstere Sicht auf die Poledance wohl abgeschwächt. Ein Unbehagen bleibt jedoch bestehen.
Im September 2023, neun Monate nach dem Tod seiner Frau, heiratete mein Vater erneut eine Freundin, die sich viele Jahre zuvor hatte scheiden lassen, was – wie mein Vater gerne betont – zu einem Zeitpunkt geschah, als sie noch keine Christin war. Auch wenn solche Überlegungen in meinem Umfeld nichts Ungewöhnliches sind und ziemlich harmlos erscheinen, ist der unterschwellige Gedanke doch der folgende: „Ein echter Christ lässt sich nicht scheiden!“ 
Sowohl bei der Beerdigung meiner Mutter wie auch bei der Wiederheirat meines Vaters, war es von mir, dass so ziemlich alle Bekannte meiner Eltern, die ich seit längerem nicht mehr gesehen hatte, erfuhren, dass ich seit zwei, resp. drei Jahren getrennt und im Scheidungsverfahren war. Einer deutschen Freundin ist der Mund offengeblieben und sie wäre beinahe im Boden versunken. Meine Eltern hatten ausserhalb ihres engsten Freundeskreises niemandem erzählt, dass ich die Scheidung eingereicht hatte. Die Schande, die ich über meine Familie gebracht hatte, war zu gross! 
Jeder andere Mann wäre einfach fremd gegangen und viel besser davongekommen. Was mich meine Geschichte gelehrt hat, ist, dass die rechtsextreme Szene der evangelikalen Bewegung zwar sehr wohl behaupten mag, „dem Wort Gottes“ (d.h. der Bibel, die sie als Wahrheit betrachtet) treu zu sein, aber im Grunde interessiert sie die Wahrheit nur insoweit, als sie ihre eigene Weltanschauung zu bestätigen scheint. Sonntags in der Kirche können diese vom Geist Gottes erfüllten Menschen die Frömmigkeit des großen Königs David bewundern, eines polygamen Mannes und Verfassers von wunderbaren Texten wie etwa dem Psalm 23, Psalm 119 und vielen anderen, aber wenn ich auftauche und mich für Polyamorie ausspreche, bricht die Hölle los. Natürlich ist es lächerlich, wenn nicht schockierend, meiner Ex-Frau Polyamorie vorzuschlagen, da sie eine zweite Frau als Konkurrentin betrachtet hätte. Aber mein an eine heterosexuelle Person gerichteter Vorschlag spiegelte sowohl meine Verzweiflung wie auch die Absurdität meiner Umgebung wider, für die eine Scheidung so unvorstellbar ist, dass sie jede Person aus der Gemeinschaft ausschließt, die diesen Schritt wagt. Auch wenn ich offiziell nie aus irgendeinem Kreis ausgeschlossen wurde, liefen die Reaktionen meiner Verwandten und „Freunde“ von früher darauf hinaus. ​​Wenn man Jesus wörtlich nehmen will, muss man auch dessen Kontext berücksichtigen. Mein Vorschlag war biblisch korrekt. Im Grunde hatte ich nur das Denksystem meiner Umgebung („die Bibel, die Bibel allein!”) bis zum Ende der Logik durchgezogen.
Eines weiß ich heute ganz sicher: Diejenigen Christen, die pausenlos an jeder Straßenecke mit dem Lautsprecher heraustrompeten müssen, bibeltreu zu sein, haben dies deshalb nötig, weil sie es eben gerade nicht sind. 
Zu heiraten war der grösste Fehler, und die Scheidung einzureichen die beste Entscheidung meines ganzen Lebens. Leider ist die evangelikale Welt, in der ich aufgewachsen bin, in sich selbst verschlossen. Die Menschen dort leben in einer Blase, in einer Parallelwelt, die alle Fakten ignorieren, die nicht zu ihrem Weltbild passen. So ist die neue Frau meines Vaters beispielsweise davon überzeugt, dass ich bei einer Gelegenheit, als sie uns zusammen sah, meine Ex-Frau „angestrahlt“ haben soll. Und später richtete mein Vater auf Signal für uns beide eine Gruppe mit dem Namen „ChriMxx“ ein – in Anlehnung an unsere E-Mail-Adresse, die wir bis zur Trennung hatten und die sich aus den Anfangsbuchstaben unserer jeweiligen Vornamen zusammensetzte. Und er eröffnete die Unterhaltung mit einem Bibelvers, nämlich Psalm 42,5: „Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht.“ Ich fiel aus allen Wolken. Auch meine Psychotherapeutin konnte es kaum fassen. „Ihr seid offensichtlich nicht auf derselben Wellenlänge“, rief meine Psychologin aus! Glaubt mein Vater nach all dem Leid, das ich durchgemacht habe und das er miterlebt hat, immer noch, dass es Gottes Wille sei, dass wir wieder zusammenkommen? Fragen Sie nur meine Ex-Frau ob sie zurückkehren will, sie wird es Ihnen schon sagen. „Ich wollte eine Geburtstagsparty für meine Frau organisieren“, erklärte mein Vater später. Aber wenn jemand eine Veranstaltung organisiert und dafür eine WhatsApp-Gruppe einrichtet, gibt er ihr doch einen Namen, der einen Bezug zur Veranstaltung hat (zum Beispiel: „Geburtstag“), und nicht die Initialen der Gäste, oder? Und es gab auf dieser Signalgruppe keinerlei Hinweis auf die Organisation eines Geburtstags, so lautete lediglich die Erklärung, die mein Vater später gab, denn ich habe die Gruppe sofort verlassen und ihn vorübergehend blockiert. 
Bevor wir die Lehre des Christus zum Thema Scheidung (siehe „Polygamie und Scheidung in der Bibel") oder der Monogamie (siehe „Monogamie") genauer unter die Lupe nehmen , müssen wir noch über mein zweites, enormes Problem sprechen: 
Sex
Chris Zürcher. Seite aktualisiert am 23. Mai 2026
By Chris Zürcher. Site updated on 14 July 2026
​​© 2026 www.1plus2.info
Picture
  • Début
  • Aperçu
  • Blog
  • Anfang
  • Übersicht
  • Blog
  • Home
  • Overview
  • Blog
  • בית
  • סקירה
  • בלוג