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 Polygamie & Scheidung in der Bibel

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  • Der Text, der von der Kirche dazu verwendet wird, Monogamie als einzig von Gott gewollte Form der Ehe zu etablieren, kommt von Mose (Schöpfungsgeschichte). Auch ist das Argument allein deduktiver Art. Es gibt nämlich keinen einzigen Text, der etwas gegen Polygamie sagen würde.
  • Polygamie war von alters her gebräuchlich, aber legalisiert hat sie Mose (ca. 1450 v.Chr.).
  • Und dazu hatte der hebräische Gesetzgeber selber zwei Frauen (das steht in der Bibel und Flavius Josephus – einer der grössten Historiker der griechisch-römischen Antike – bestätigt das).​
Unterschied zwischen Polygamie und Polyamorie? Klicken Sie hier!
  • ​Die erste Kirche war jüdisch. Jesus und die Apostel (die alle Juden waren) hätten die Polygamie im Judentum nicht abschaffen können, ohne dass wir heute davon eine Fülle von Texten im Neuen Testament hätten, die diese Problematik und die damit verbundenen, zahlreichen Implikationen behandeln würden (erbrechtliche, erziehungsrechtliche, scheidungsrechtliche, fürsorgerechtliche Fragen etc.). 
  • Unter bestimmten Umständen schrieb die Tora sogar die Polygamie vor. Wenn ein verheirateter Mann ohne Kinder starb, musste sein Bruder seine Schwägerin heiraten, um dem Verstorbenen Nachkommen zu verschaffen. In diesem Fall galt nur das zweite Kind als Kind des lebenden Bruders. 
  • Das Neue Testament befasst sich nicht mit dem Thema Polygamie. Da Polygamie im Judentum verbreitet und die jüdische Bevölkerung im Römischen Reich bedeutend war (einige Historiker schätzen ca. 6-10%), war es unnötig, darüber zu sprechen. 
  • In der Bibel war Polygamie legal, Scheidung erlaubt, Ehebruch aber strafbar.
  • ​Der Begriff "Ehebruch" hatte im Judentum / der Bibel eine andere Bedeutung, als ihm die Griechen und Römer gegeben haben. Unser Verständnis von "Ehebruch" kommt von den Römern. Siehe die Seite zum Thema "Ehebruch". 
  • Die Folge davon ist, dass man Jesu Lehre bezüglich Scheidung und Ehebruch falsch interpretiert. 
  • In unserer westlichen Kultur ist "Ehebruch" hauptsächlich ans „Vergnügen“ (sprich „Sex“) gebunden. 
  • In der Bibel war das Problem des Ehebruchs (und der Scheidung) aber stark an die „Verantwortung“ verknüpft (damals gab es weder Verhütungsmittel, noch Sozialversicherungen - das Überleben der Frau und der Kinder war vom Vater abhängig). 
  • Im Judentum wurde eine Sklavin (d.h. Dienerin) durch die Heirat frei. Wurde eine Frau von ihrem Mann nicht korrekt behandelt (genau genommen: 1. Nahrung, 2. Kleidung, 3. sexueller Verkehr), konnte sie die Scheidung verlangen und blieb frei. 
  • Anders ausgedrückt: Kam eine Ehefrau auf sexueller Ebene zu kurz, dann war das ein gültiger Scheidungsgrund für die Frau. ​
  • Eine Frau konnte also relativ einfach die Scheidung einreichen, ein Mann jedoch nur dann, wenn seine Frau sich ehebrecherisch verhalten hatte. Wenn der Mann mit seiner Frau nicht zufrieden war, konnte er eine andere heiraten. 
  • In der Monogamie ist Ehe eine Frage der Beziehung. In der Polygamie ist Ehe eine Frage der Gemeinschaft. Das Zusammenleben in einer Gruppe ist einfacher.
  • Kurz: Jesus war nicht gegen Scheidung, er war dagegen, dass Männer sich von ihren Frauen aus irgendeinem, willkürlichen Grund scheiden. In einem polygamen Umfeld ist das ein grosser Unterschied.
Hintergrund: Jesus wurde von den Schriftgelehrten wegen einer damals populären Streitfrage zu einem mosaischen Gesetzestext (der damaligen Konstitution) zur Rede gestellt. Grund dafür war, dass im Jahr 10 unserer Zeitrechnung der politische Ratsvorsitz im höchsten jüdischen Gerichtshof (dem "Hohen Rat") und als Folge davon die Rechtssprechung bezüglich Scheidung geändert hatte. Ausgangslage dafür war ein vage hebräische Formulation in der Konstitution, der zu kühnen Interpretationen einlud. Es gab unter anderem (die bis zum Jahr 10 vom jüdischen Gerichtshof vertretene) Ansicht, Männer dürften eine ihrer Ehefrauen entlassen, wenn sie nicht schön genug war oder wenn sie nicht gut kochen konnte. Was war denn das wirkliche Problem? Bei jeder zusätzlichen Ehefrau und den daraus zu werdenden Kindern, die ein Mann in seinen Haushalt aufnahm, stiegen die Lebenskosten an. Deshalb sind einige Männer auf die Idee gekommen, eine ihrer Ehefrauen einfach auszutauschen! Dazu mussten sie lediglich die Akzentsetzung der mosaischen Scheidungsgesetzes etwas verschieben. Der Anfang der Frage im Griechischen (Εἰ ἔξεστιν) wird manchmal einfach mit „ist es erlaubt“ übersetzt. Dies ist ungenau, denn die Wendung bedeutet wörtlich „geht es aus (...) hervor?“ (impliziert wird hier „der mosaischen Konstitution“). Der griechische Text weist darauf hin, dass die Frage mit dem Recht zu tun hatte. Im Englischen übersetzen übrigens mehrere Bibeln 'is it lawful' („Ist es rechtmässig“). Die Frage war nicht, ob Scheidung legal war (selbstverständlich war sie es), sondern unter welchen Bedingungen Scheidung legal war. Genauso war die Frage der Schriftgelehrten auch formuliert: "Ist es einem Mann rechtmäßig erlaubt, aus irgendeinem Grund seine Frau zu entlassen?" (Mt 19,3). ​
Die Lehre Jesu über Ehescheidung zielte darauf ab, Frauen und Kinder zu schützen! 
Allein schon die unterschiedlichen Auslegungen des Verfassungstextes zum Thema Scheidung auf Antrag des Ehemanns verdeutlichen die vage Formulierung des mosaischen Gesetzes. Dies steht in deutlichem Kontrast zum Scheidungsverfahren, das von einer Ehefrau eingeleitet werden konnte. In diesem Punkt war die Verfassung (also die Thora) so eindeutig, dass es keine Debatten gab. Es sei auch angemerkt, dass die Rechtsauffassung, die Hillel, der ehemalige Präsident des Sanhedrin, bis zum Jahr 10 n. Chr. vertreten hatte (der Ehemann kann sich aus jedem beliebigen Grund von seiner Frau scheiden lassen), praktisch darauf hinauslief, einem Ehemann mindestens die gleichen Möglichkeiten zur Einreichung der Scheidung einzuräumen wie den Ehefrauen. Meiner Meinung nach war dies jedoch genau das Gegenteil von dem, was Moses gefordert hatte. Der Ehemann befand sich in einer Machtposition, da er mehrere Frauen haben durfte. Es hätte für ihn also schwieriger sein sollen, sich scheiden zu lassen. 
Wer die Aussagen des Messias in ein monogames Umfeld setzt, verzerrt den Sinn der ursprünglichen Botschaft völlig. Und das führt dazu, dass Scheidungen in Kirchen abwertend betrachtet werden. Laut der katholischen Kirche ist die Ehe noch heute unauflöslich und in den stark katholischen Philippinen ist Scheidung immer noch illegal. 
Da Theologen das Neue Testament in der Regel durch die Brille des monogamen Christentums lesen, werden manchmal sogar gewisse Bibelstellen entsprechend übersetzt: 

Wenn zum Beispiel von Gemeindeleitern die Rede ist, wird der unbestimmte Artikel oft als Zahlwort interpretiert (1Tim 3,2 u. Vers 12 sowie Tit 1,6). In der altgriechischen wie in der deutschen Sprache kann das Zahlwort (1 Frau) als unbestimmter Artikel (eine Frau) dienen. So kommt es, dass die Voraussetzung für Gemeindeleiter „Mann einer Frau“ (μιᾶς γυναικὸς ἄνδρα) manchmal mit „Mann einer einzigen Frau“ übersetzt wird. Dabei wird das Wort „einzigen“ im Deutschen hinzugefügt, befindet sich aber nicht im Grundtext – Bibelübersetzer machen damit die Monogamie zur Voraussetzung für Gemeindeverantwortliche. Im Griechischen wird der unbestimmte Artikel nur gelegentlich gebraucht*, kann aber dazu dienen, die Unbestimmtheit hervorzuheben, sinngemäss also etwa: "Mann (irgend)einer Frau". Der Apostel bedient sich also einer ganz vagen Wendung, um damit die Vielfältigkeit der verschiedenen Situationen anzudeuten, die damit angesprochen sind. "Mann einer Frau" mag auf Deutsch zwar komisch tönen, ist im Griechischen aber eine gebräuchliche Wendung, um von einem verheirateten Mann zu sprechen. Sinngemäss spricht der Apostel Paulus (der Witwer war) also von einem Mann, der verheiratet ist oder war, als Gegensatz zu einem Mann, der nie eine Frau hatte. Es ging dem Apostel nicht um die Anzahl Frauen, die ein Leiter haben durfte, sondern darum, dass Verantwortliche Erfahrung im Familienleben haben sollten. Beim Lesen des Kontextes sollte das eigentlich auffallen. ​Die Verwendung des Zahlwortes als unbestimmter Artikel in den eben besprochenen Bibelstellen wird auch dadurch bestätigt, dass Paulus die genau gleiche grammatikalische Konstruktion in 1. Timotheus 5,9 gebraucht, wo er von einer "Frau (irgend)eines Mannes" spricht (ἑνὸς ἀνδρὸς γυνή). Der Apostel spricht dort von Witwen. Die Bedeutung "Frau eines einzigen Mannes" würde in diesem Kontext keinen Sinn machen. Denn Witwen zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Vergangenheit einmal "Frau eines Mannes" (also verheiratet) gewesen waren. Anders ausgedrückt: Witwen sind auch dann Witwen, wenn sie zweimal Witwen wurden. Falls Sie biblisches Hebräisch können, dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass diese Eigentümlichkeit nicht nur griechisch, sondern eben auch hebräisch ist (so ist beispielsweise in 1 Samuel 1,1 von (irgend-)einem Mann - אִישׁ אֶחָד – die Rede). Als gelehrter Jude hat Paulus diese Denkweise wohl intuitiv ebenso im Griechischen gebraucht. 
* Genau genommen gibt es im Griechischen keinen unbestimmten Artikel. Mehr dazu in meiner Studie.
Prägnant ausgedrückt: Aus Paulus' Anweisung, Mann (irgend)einer Frau (also verheiratet) zu sein, haben Bibelübersetzer "Mann einer einzigen Frau" (also monogam) gemacht!  
Zusammengefasst: Durch das Interpretieren und manchmal sogar Übersetzen jüdischer Texte auf eine nicht-jüdische Weise, d.h. losgelöst von ihrem historischen Kontext, lesen postmoderne Menschen Dinge in die Bibel hinein, die dort gar nicht stehen. 
Von Chris Zürcher. Seite aktualisiert am 21. Juli 2024
By Chris Zürcher. Site updated on 14 July 2026
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